„Gute Nacht schlafet ale wohl und gesund. Auf ein Wiedersehen in der andere Welt.“

Seit 2006 begleitet VOX in der Doku-Soap „Goodbye Deutschland! Die Auswanderer“ Deutsche, die ihr Glück im Ausland versuchen wollen. (Quelle: www.vox.de). Eine der größten Einwanderungswellen ist Europa gerade dabei zu bewältigen. Im 19. Jahrhundert beschlossen auch einige Obsteiger und Obsteigerinnen  ihr Land zu verlassen und im fernen Ausland, ihr Glück zu versuchen. Waltraud Stecher hat uns freundlicherweise einen Text ihres verstorbenen Mannes Hubert zum Thema Obsteiger Migrationsgeschichte zur Verfügung gestellt. Hier eine gekürzte Version zum Nachlesen.

Quelle:www.hall.spoe.at/mediaarchiv//395/media/dorf_tirol.jpg

Vergessene Zeiten — Obsteiger Auswanderer im 19. Jahrhundert (Hubert Stecher, 2006)

Vor allem die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts kann man als „Zeit der Tiroler Auswanderer“ bezeichnen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zur Mitte dieses Jahrhunderts gab es in Tirol viele Ernteausfälle und die Brot- und Getreidepreise stiegen ins Unermessliche. Viele Bauernhöfe waren hoffnungslos verschuldet und die Heiraten sanken rapide. Es war nur wenig da, womit man eine Familie ernähren konnte.

Im Herbst 1848 brachte der jüngste Abgeordnete des Wiener Reichsrates, Hans Kudlich, die sogenannte „Bauernbefreiung“ als Gesetzesvorlage ein, die die „Unterthänigkeit der Bauern“ von ihren Grundbesitzern abschaffte. (Für Obsteig hieß das, dass die Höfe vom Landesherrn oder vom Stift Stams unabhängig wurden.) Ein Drittel des Hofwertes musste aber binnen 40 Jahren bezahlt werden. An die Stelle der grundherrlichen Abgaben traten nun die Steuern des Staates, des Landes und der Gemeinden. Zudem mussten die nun frei gewordenen Bauern lernen, selbstständig marktwirtschaftlich zu denken und zu arbeiten, was zumindest die erste Generation nach 1848 kaum zuwege brachte. Das bürdete den Menschen weitere Schulden auf. Daher startete überall in Europa eine große Werbekampagne für die Ausreise in die USA. In kurzer Zeit wanderten über 16 Mio. Europäer in den Vereinigten Staaten ein.

 

Daneben gab es eine weitere Werbung. In Brasilien wurde im Jahr 1822 Dom Pedro I. zum Kaiser gekrönt. Er war mit der österreichischen Kaisertochter Leopoldine verheiratet. Diese suchte für die Bewirtschaftung des großen Landes fleißige und verlässliche Bauernfamilien aus ihrer Heimat und ließ überall in Österreich und Deutschland dafür werben.

 

Die Siedler bekamen Landgüter zugewiesen, deren Größe für Tiroler Verhältnisse unvorstellbar war. Auch aus dem entfernten Peru und aus Chile an der Westküste Südamerikas kamen solche Versprechungen. All diese Nachrichten fielen in unserem Heimatland auf fruchtbaren Boden, gerade zur rechten Zeit. Die Botschaft vernahmen auch einige Obsteiger Bauernsöhne und -töchter, so zum Beispiel Tobias Jeller aus Wald. Die Jeller waren Vorbesitzer beim Thalerbauern. Tobias war mit Josefa Schöpf aus der Oberstrass (heute Hallerhaus) befreundet und folgte dem Ruf nach Brasilien. Seine beiden Geschwister Josef und Maria Katharina mit ihren Verlobten wanderten in die USA aus (nach Cincinnati). Da solche Paare bei uns wegen ihres finanziellen Unvermögens nicht heiraten durften, verbanden sie sich normalerweise im Hafen oder direkt auf dem Schiff. Es war dafür von den Werbeagenturen alles vorbereitet.

Tobias Jeller schreibt am 2. April 1863 aus Hamburg:

 „Liebe Eltern, wie staunten wir über die so vielen Schiffe welche vor Anker lagen ja ich sage über 1000 Schiffe standen segelfertig da … wieder neues erstaunen über die Waaren die hier zu sehen waren alles war da was man sich nur wünscht… wenn wär von Obsteig nach Brasilien geht soll ja nicht viel einkaufen 2 Haken und 2 Hauen den man bekomt hier alles und zwar viel billiger als bei Euch…ich hoffe das wir (bald) mündlich reden kann wir Grüßen Eich alle besonders ..: beste Eltärn und Geschwistert und bitten Eich alle um das Gebet… Die Kobalazion (Kopulation, Heirat, Anm.) ist am Ostersontag in der Früh. Das die Leute nur nicht glauben, in Hamburg bekomt man noch einen Vorschus.“

Am 5. April stachen sie in See, die Überfahrt nach Südamerika dauerte 62 Tage. Tobias und Josefa schreiben ein Jahr später:

 „ es ist ein trauriger Anfang in Brasilien wen man nicht anders siht als Uhrwald und Wildnis aber man ist einmahl in Brasilien und den Anfang muß man machen aber dann lebt man besser als in Eiropa.“

Das Siedlungsgebiet, das den drei Obsteiger Familien zugewiesen wurde, war das Dorf „Tirol“ in der Provinz „Espirito Santo“, das unter der Kaiserin Leopoldine schon früher gegründet worden war. Die Reise mit Pferden und Maultieren dorthin war abenteuerlich und unvorstellbar kräfteraubend. Doch das Klima der Gegend von „Tirol“ war den Europäern zuträglich. Das Gelände jedoch war tiefster Urwald, in dem nicht einmal Indios zu hausen vermochten.

Tobias Jeller schreibt:

„ Jetzt will ich euch meine Hauswirthschaft schreiben, ich habe 50 Morgen Uhrwald gekauft nemlich das sind 200 Starland Tiroler masserei führ 100 Milreis (Währung) es schaudert mich wie ich den Anfang machen muhst da denke ich öfters nach Tirol… Und da habe ich das erste Jahr 6 bis 7 Morgen Wald geschlagen und Aufgerichtet und ein Haus gebaudt, aber es lest sich leicht denken das das ein Schwehrer anfang ist … und das esen muß man ein Ganzes Jahr…Die Pflanzung ist Teia Kara, Eibi, Bataten, Zucherohr, Kaffe, Baumwole, Bohnen, Madikok, Erbsen, Kartofel, Bananen, Tabak, Pfeffer und Vielerlei Garten gemüse…und hetzt befinden wir uns im Viehstand ganzs gut nemlich ein Hund eine Kaze, 30 bis 40 Hünner 15 Enten 8 bis 10 Schweine und eine Kuh und wen uns Gott gesundt lest da werden wihr bis in ein Jahr schon weiter sein mit unserer Hauswirthschaft.“

Und viel später schreibt er (Datum unbekannt) :

 „Ich schreibe keinem das Jemand nach Brasilien gehen sollte aber ich wünsche mich nicht mehr zurük, es ist ein schwerer Anfang aber wen mans überstanden hat da hat mas doch besser wie in Eiropa….den in Tirol wahren wir nie zu was gekomen aber es kostet viel Schweis und Arbeit, aber wohlgemerkt das ihr nicht glaubt es komt von selber, nein.“

Die Familie Jeller ist später (aus welchen Gründen immer) in die Kleinstadt Joinville gezogen. Im Jahr 1900 schreibt Tobias :

“ Gute Nacht schlafet ale wohl und gesund. Auf ein Wiedersehen in der andere Welt.“

Abschied

Danke an Josef Wilhelm für seine Mithilfe bei diesem Beitrag!

 

 

 

2 Gedanken zu “„Gute Nacht schlafet ale wohl und gesund. Auf ein Wiedersehen in der andere Welt.“

    • Zitat aus der Ausstellung im Volkskunstmuseum in Innsbruck –

      Fard: “ Gibt es in deinem Kindergarten auch Ausländer?“
      Kind: “ Nein. Da sind nur Kinder.“
      Fard Rappen (2015)

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