Warum Dialekte nicht aussterben dürfen

Schon im 15. Jahrhundert verweist Martin Luther auf die sprachliche Vielfalt des deutschen Sprachraums.

„Es sind aber in Teutscher Spraach viel Dialecti/ unterschiedene art zu reden/ daß offt einer den anderen nit wol verstehet“. (Martin Luther, 1483 – 1546)

Durch die Mobilität unserer Gesellschaft, durch den Einfluss der Medien, durch die Notwendigkeit einer immer größeren kommunikativen Reichweite heutzutage werden auch die Sprachräume immer größer.

Mundarten, die nur in einem kleinen Gebiet charakteristisch sind, werden langsam, aber stetig abgebaut. Wenn die Sprache nicht mehr hauptsächlich in der Familie weitergegeben wird, läuft sie Gefahr in ein oder zwei Generationen verloren zu gehen.

Doch längst hat man die soziokulturelle Bedeutung von Dialekten erkannt. Sie emanzipieren sich, stiften Identität und schaffen Nähe. Im Dialekt, unserer eigentlichen Muttersprache, geling es uns am ehesten, unsere innersten Gefühle auszudrücken.

Der Dialekt grenzt eine Region gegenüber anderen ab, gibt ein Gefühl von Sicherheit und Heimat. Die Mundart bildet die die soziodemographische Realität einer Region weit exakter ab als die Standardsprache. Der Obsteiger Dialekt kennt beispielsweise zahlreiche Ausdrücke für „Karren“, da in der bäuerlichen Arbeit eine genaue Abgrenzung des jeweilig benötigten Arbeitsgeräts im Alltag von größter Wichtigkeit war (Vgl. Riser T. et al., 1000 Weartår Obschtoagårisch. Eigenverlag Chronik, Obsteig 2021)

Der Globalisierung mit ihrem Trend zur globalen Einheitskultur steht die Renaissance der regionalen Dialekte und der Wunsch nach Bewahrung regionaler Eigenständigkeit gegenüber. Wenn eine Sprache ausstirbt, geht mit ihr oft auch eine ganze Kultur verloren.

Sprachliche Vielfalt ist wie die Artenvielfalt von Flora und Fauna ein schützenswertes Gut. Sprachliche Vielfalt führt aber auch zu Verständnisproblemen. Das „Wörterbuch“ ist das klassische Hilfsmittel, um diese Verständnisprobleme zu überwinden. Im Jahre 1611 erschien in Spanien unter dem Titel Tesoro de la lengua castellana, o española das erste Wörterbuch im klassischen Sinn. Sebastián de Covarrubias y Orozco (1539 – 1613) präsentierte darin 17 000 Wörter, ihre Definitionen und ihre Etymologie.

Eines der ersten deutschen Wörterbücher geht auf die Gebrüder Grimm zurück, die 1838 begannen eine umfangreiche Sammlung deutscher Wörter anzulegen.

Heute sind wir zunehmend zweisprachig: Dialekt und Hochdeutsch – je nach Gesprächssituation, sprachliche Vielfalt als Teil unserer Identität.