To Be or Not To Be

Hamlet, Shakespeares dänischer Prinz wurde berühmt für diese Frage, mit der er seine Zerrissenheit und Unsicherheit bezüglich zukünftigen Handelns zum Ausdruck bringt. Hamlet ist aber auch das englische Wort für unsere Weiler – und auchhier stellt sich immer wieder die Frage: Sein oder Nichtsein.

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Obsteig ist ein Dorf mit einem relativ kleinen Ortskern rund um die Pfarrkirche und mehreren flächenmäßig weit verstreuten Ortsteilen, den sogenannten Weilern. Diese Siedlungsform ist charakteristisch für das Tiroler Oberland und deshalb in den Augen vieler erhaltenswert. Besonderes Augenmerk gilt hier den historisch gewachsenen Weilern mit traditionellen Bauformen. In Zeiten der Globalisierung hat überschaubare Kleinheit eine neue Qualität gewonnen. Das Besinnen auf regionale Eigenheiten ist im «Europa der Regionen» zum Identitätsfaktor geworden.

Die Bewohner identifizieren sich mit „ihrem“ Weiler; man ist Finsterfiechter, Gschwenter etc. dann Obsteiger, dann Tiroler, dann Österreicher, dann Europäer. An dieser Stelle sei auch an die „Ortstafeldiskussion“ in Mieming erinnert. http://www.tt.com/%C3%9Cberblick/6904897-6/obermieming-und-barwies-ohne-ortstafel.csp

Obsteig hat den Schutz seiner Weiler in den Zielen des Landschaftsschutzgebietes festgeschrieben. Doch warum wurden unsere Weiler zu Schutzbedürftigen? Was haben sie mit Kindern, Konsumenten und Denkmälern gemeinsam? Vor wem müssen sie geschützt werden?

Aktuell bietet sich häufig folgendes Bild. Es finden sich in den Weilern einige Hofstellen und Neu- bzw Umbauten auf Bauplätzen „weichender Kinder“. Vermehrt gibt es jedoch auch leerstehende Gebäude. So bedeutungsvoll die historische Weilerstruktur auch ist, so anspruchsvoll ist ihre bauliche Entwicklung zwischen Höfemuseum und moderner Wohnbebauung. Demografische und gesellschaftliche Veränderungen nehmen Einfluss auf die Regionalentwicklung. Leerstehende, alte Bausubstanz ist die Folge von Generationenwechsel, mangelnder Rentabilität des klassischen landwirtschaftlichen Betriebes. Österreichweit werden pro Jahr rund zwei Prozent der Bauernhöfe aufgelassen. Was tun mit der alten Bausubstanz?

  • Für die häufig unzureichende Wohnqualität der alten Häuser lassen sich jedoch keine Mieter am freien Markt finden. Nur mehr Menschen, für die freie Mieten unerschwinglich sind und für die das „Amt“ die Miete übernimmt, sind bereit, in diese Häuser einzuziehen.
  • Eine weitere Option ist der Umbau in Wohnungen für den Eigenbedarf oder zum Verkauf am freien Immobilienmarkt eventuell auch im angrenzenden Ausland.
  • Das alte Haus wird abgerissen und an seiner Stelle entsteht ein neues Haus oder ein Wohnblock.

Jede einzelne Entscheidung verändert nachhaltig die Bevölkerungszusammensetzung und das Ortsbild der betroffenen Gemeinde. Deshalb gibt es in Tirol ein breites Repertoire an Erhaltungsprogrammen und Schutzbestimmungen.

Diese geraten naturgemäß in Konflikt mit dem als umfassend empfundenen Eigentumsrecht, werden als starke Einschränkungen und finanzielle Belastungen empfunden. Das Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch definiert das Eigentum zwar als die „Befugnis, mit der Substanz und den Nutzungen einer Sache nach Willkür zu schalten, und jeden anderen davon auszuschließen“ (§ 354 ABGB), die Grenzen des Eigentums liegen aber dort, wo in Rechte eines anderen eingegriffen würde oder im allgemeinen Interesse erlassene Beschränkungen übertreten würden.

Es ist seltener der Fall, dass die Leidenschaften einzelner dem Gemeinwohl nicht schaden.

Niccoló Machiavelli
(1469 – 1527), italienischer Staatsmann und Schriftsteller

 

Ist Weilerschutz konsensfähig? Gibt es ein breites Bekenntnis zur bäuerlichen Baukultur? Soll die Tradition der Weilerstruktur unseres Dorfes fortgeschrieben werden?

Die Gesetzeslage sieht den Weilerschutz (Novelle TROG 2016) vor. Die Erhaltung der traditionellen Weilerstruktur ist ausdrücklich in den Zielen des Landschaftsschutzgebietes formuliert.

Regionalität steht nicht im Gegensatz zu Modernität und zeitgemäßem Standard. Es gibt zahlreiche gelungene Beispiele für „modernes Wohnen in alten Mauern“. Architekten, Bauherren und Gemeinden sind gefordert.

Sanierungsbeispiele